
cc Cène Vesoul by pierrepaul43
Einen großen Unterschied in meinem Proseminar in Praktischer Theologie macht eine Leseaufgabe: Unsere Kasualpraxis – eine missionarische Gelegenheit? (amazon) von Rudolf Bohren (wiki). Ich ging mit wenig Erwartung an den Text über Kasualien (also Taufe, Konfirmation, Trauung und Beerdigung). Um so mehr wurde und bin ich überrascht. Die ersten Vorträge, auf die der Text zurückgeht, hat Bohren 1960 gehalten. Aber heute sind sie glühende Eisen. Ich bin her und gerissen zwischen Zustimmung und einem Verzweifelten “aber wie?”
Bohren steigt über die Frage bzw. Annahme ein, dass die Kasualhandlung eine missionarische Gelegenheit sei. Diese (immer noch!) weit verbreitete These zerschlägt er schlüssig und kraftvoll in Stücke.
Die Pfarrer sind arbeitsmäßig überfordert. “Es ist unhuman und unmenschlich, daß man vom Pfarrer Seelsorge verlangt und ihm gleichzeitig verbietet, Zeit für die Seelen zu haben.” (11)
Die Kasualpraxis ist eben nicht, wie oft behauptet, die Nahtstelle zur Welt, sondern gründet sich auf die Existenz der Gemeinde. Versteht man die Kasualie als Mission wird der Hörer verabsolutiert. Inhaltlich wird die Amtshandlung vom Pfarrer her entleert. (12)
Ein Die-Situation-missionarisch-Ausnutzen (z.B. Beerdigung) wird zum Seelsorgerlicher Missbrauch. (13)
Sehr deutlich und frustrierend ehrlich erkennt Bohren, dass die Welt die Kasualhandlung will aber nicht die Predigt. Diese erträgt man nur, weil der Pfarrer eben predigen muss. Was bleibt ist ein trügerischer Eindruck einer gelungenen Kasualhandlungen. Welt und Pfarrer sind zufrieden, haben sich jedoch total missverstanden. Die Hörer werden geradzu immunisiert. (14)
Weiter stellt Bohren eine “Baalisierung der Kasualrede” (14) fest. Christus wird zum Garanten für gute Gaben im Diesseits degradiert. “Man spricht dann vielleicht auch noch vom Kreuz, aber man verschweigt das Mitsterben mit ihm, das allein zum Leben führt.” (15)
Der liberalen Anbiederung stellt Bohren die “orthodoxe Starre” (15) als ebenso so schlecht hinzu. Das eine geht gegen Gottes Ehre, dass andere gegen die der Mitmenschen.
Die Kasualrede ist selbst nicht primäre Verkündigung (Jesus befiehlt keine Totenrede zu halten etc.) und gelingt nur, wenn sie eschatologisch ist. Wenn sie sich auf das Kommen des Herrn Jesus ausrichtet. Sie ist eine Predigt der Unzeit. (17)
“Wir bescheinigen fortwährend, und zwar an allen entscheidenden Punkten des Lebens, dem Menschen seine Christlichkeit und Kirchlichkeit und dispensieren ihn damit vom Kerygma, von der Koinonia und von der Diakonia der Kirche. Damit wird die Kasualpraxis zur Feindin des Kerygmas, sie wird zur unmöglichen Möglichkeit, zur Sünde. [...] Die Mechanik der Amtshandlungen produziert fortlaufend Christen, die ohne Christus leben. Die Amtshandlungen bauen und erhalten eine fiktive Kirche.” (19)
Bohren legte die Finger 1960 an die Stellen, die heute noch so wund sind: Priestertum aller Gläubigen, Kirche als Dienst, Eingliederung statt Betreuung, Befähigung der Erwachsenen, die Kinder selbst im Glauben zu erziehen, Gerontologie und Hauskirchen. Er gibt praktische Hilfen mit auf dem Weg.
Ich bin nun vieles. Sehr betroffen, irgendwie geschärft und leider auch frustriert. Ein Text, der 50 Jahre alt ist und heute so aktuell.