Warum Deutschsein krank macht

[Vorsicht - dieser Artikel enthält Zynismus]

Als ich in der Schule zum ersten Mal die Themen Weimarer Republik und Drittes Reich hatte, habe ich nicht verstehen können, wie es sein konnte, dass Deutschland, entgegen aller Bestimmungen, einfach so aufrüsten und die Wirtschaft auf Krieg umstellen konnte. Warum sind weder Deutsche noch Europäer eingeschritten? Warum durfte Deutschland Drittes Reich werden?

Lange hatte ich keine Antwort. Bis jetzt. Warum schreitet niemand ein, wenn Deutschland, entgegen seiner Verfassung Afghanistan besetzt? Warum setzt dem niemand ein Ende?

Dem eiligen Leser sei hier gesagt, dass dies kein unfähiger “ich vergleiche dich mit Hitler Akt” ist. Es stellt sich mir gerade zu anders herum dar. Ich vergleiche nicht meine Zeit mit Hitler, sondern Hitler mit uns.

Was haben uns die Afghanen getan? Wo sind sie in die Bundesrepublik eingefallen?

Aber so denkt man nicht in Deutschland. In Deutschland braucht es immer einen allgemeinen Deutungshorizont. Den muss man teilen – sonst hat man sein Leben verwirkt in Deutschland.

Es war modern und wissenschaftlich bewiesen, dass Juden Untermenschen sein sollten. Wer wollte da schon etwas anderes sagen? Es ist heute so viel, so klar, so bewiesen. Wehe, wer sich plötzlich auf der anderen Seite des Zeigefingers wiederfindet. Wir sind ja so modern, so gebildet, so tolerant, so einer Meinung.

Eine Treppe 2010

Als ich heute das Seminar verlassen habe, fragte mein Prof.: “Br. Manfred, ist das Protest?” Ich antwortete leider nur: “Nein, nein, ich muss zu Kirchengeschichte…” Eigentlich wollte ich sagen: “Das ist meine Kapitulation.”

Weil er heute Geburtstag hätte

Er hat mich ab der elften Klasse in Deutsch gerettet. Während lyrisch langweilige Gedichte streng nach Vorschrift interpretiert wurden, blätterte ich durch das neue Deutschbuch. Da standen sie – ausgewählte Texte von einem gewissen Tucholsky. Ich habe zwei Jahre in Deutsch fast nichts anderes gemacht, als immer wieder diese handvoll Texte zu lesen. Später habe ich mir stolz (oh wenn er das wüsste) die gesammelten Werke zugelegt. Ich habe nie gern die großen Klassiker gelesen aber an Tucholsky kann ich nicht so einfach vorbei.

Warum? Einfach selber lesen z.B. – Deutsch(textlog.de)

Rudolf Bohren

cc Cène Vesoul by pierrepaul43

Einen großen Unterschied in meinem Proseminar in Praktischer Theologie macht eine Leseaufgabe: Unsere Kasualpraxis – eine missionarische Gelegenheit? (amazon) von Rudolf Bohren (wiki). Ich ging mit wenig Erwartung an den Text über Kasualien (also Taufe, Konfirmation, Trauung und Beerdigung). Um so mehr wurde und bin ich überrascht. Die ersten Vorträge, auf die der Text zurückgeht, hat Bohren 1960 gehalten. Aber heute sind sie glühende Eisen. Ich bin her und gerissen zwischen Zustimmung und einem Verzweifelten “aber wie?”

Bohren steigt über die Frage bzw. Annahme ein, dass die Kasualhandlung eine missionarische Gelegenheit sei. Diese (immer noch!) weit verbreitete These zerschlägt er schlüssig und kraftvoll in Stücke.

Die Pfarrer sind arbeitsmäßig überfordert. “Es ist unhuman und unmenschlich, daß man vom Pfarrer Seelsorge verlangt und ihm gleichzeitig verbietet, Zeit für die Seelen zu haben.” (11)

Die Kasualpraxis ist eben nicht, wie oft behauptet, die Nahtstelle zur Welt, sondern gründet sich auf die Existenz der Gemeinde. Versteht man die Kasualie als Mission wird der Hörer verabsolutiert. Inhaltlich wird die Amtshandlung vom Pfarrer her entleert.  (12)

Ein Die-Situation-missionarisch-Ausnutzen (z.B. Beerdigung) wird zum Seelsorgerlicher Missbrauch. (13)

Sehr deutlich und frustrierend ehrlich erkennt Bohren, dass die Welt die Kasualhandlung will aber nicht die Predigt. Diese erträgt man nur, weil der Pfarrer eben predigen muss. Was bleibt ist ein trügerischer Eindruck einer gelungenen Kasualhandlungen. Welt und Pfarrer sind zufrieden, haben sich jedoch total missverstanden. Die Hörer werden geradzu immunisiert. (14)

Weiter stellt Bohren eine “Baalisierung der Kasualrede” (14) fest. Christus wird zum Garanten für gute Gaben im Diesseits degradiert. “Man spricht dann vielleicht auch noch vom Kreuz, aber man verschweigt das  Mitsterben mit ihm, das allein zum Leben führt.” (15)

Der liberalen Anbiederung stellt Bohren die “orthodoxe Starre” (15) als ebenso so schlecht hinzu. Das eine geht gegen Gottes Ehre, dass andere gegen die der Mitmenschen.

Die Kasualrede ist selbst nicht primäre Verkündigung (Jesus befiehlt keine Totenrede zu halten etc.) und gelingt nur, wenn sie eschatologisch ist. Wenn sie sich auf das Kommen des Herrn Jesus ausrichtet. Sie ist eine Predigt der Unzeit. (17)

“Wir bescheinigen fortwährend, und zwar an allen entscheidenden Punkten des Lebens, dem Menschen seine Christlichkeit und Kirchlichkeit und dispensieren ihn damit vom Kerygma, von der Koinonia und von der Diakonia der Kirche. Damit wird die Kasualpraxis zur Feindin des Kerygmas, sie wird zur unmöglichen Möglichkeit, zur Sünde. [...] Die Mechanik der Amtshandlungen produziert fortlaufend Christen, die ohne Christus leben. Die Amtshandlungen bauen und erhalten eine fiktive Kirche.” (19)

Bohren legte die Finger 1960 an die Stellen, die heute noch so wund sind: Priestertum aller Gläubigen, Kirche als Dienst, Eingliederung statt Betreuung, Befähigung der Erwachsenen, die Kinder selbst im Glauben zu erziehen, Gerontologie und Hauskirchen. Er gibt praktische Hilfen mit auf dem Weg.

Ich bin nun vieles. Sehr betroffen, irgendwie geschärft und leider auch frustriert. Ein Text, der 50 Jahre alt ist und heute so aktuell.

In eigener Sache

Ich hab mein alten tumblr wieder aktiviert. tumbler steht irgendwo zwischen Blog und Twitter. Was für mein Blog zu wertlos ist aber zu lang für Twitter kommt da rein. So die typischen Belanglosigkeiten. Hilft mir aber, mein Blog “sauber” zu halten.

Wir die geneigte Leserschaft erkannt hat, geht es hier sehr gemächlich zu. Hab mich dazu entschieden auf meinem Blog nur noch Sachen zu posten, die etwas länger mit mir gehen.

Peace!

Nerd Neugier & media driven Spieleboost ^^

Wie wäre Werbung per QR Codes? Sicher ne super Sache, wenn man mal nen GoDi für Nerds machen möchte. Einfach die (heute nicht mehr) geheime Botschaft verpacken, ausdrucken und in die Stadt kleben.

All die tollen Sachen, die man damit sonst machen kann. Das urbane Stadtspiel aufmischen: Nie wieder Mr. X jagen, lieber als Staatsfeind Nr. 1 mit GPS und QR Codes durch die City. Ominöse Anrufe, treffen an Hotspots (vielleicht etwas (pseudo-) warchalken) …

Oh warum lebe ich in einem so kleinen Dorf… *^^*/

qr Code Beispiel

Tugend Mühe

Hab die Tage in meinen Unterlagen gestöbert und meine POS- bzw. Grundschulzeugnisse gefunden (also nicht, dass sie verloren gegangen wären). Na wenn man sie schon mal in Händen hält, liest man auch, was drinnen steht. Da stand nun, dass sich Manfred sehr bemüht. Man kennt es ja von den Arbeitszeugnissen heutzutage. Wenn sich einer bemüht, heißt dass, das er nichts kann bzw. ein Faulpelz ist. Nur zeigen die Noten dieser Zeugnisse, dass das damals (oh.. ich schreibe damals..) nicht so war. Auch steht im Zeugnis, dass man an den Leistungen sehen kann, dass ich mich bemüht habe.

Schade, dass Mühe heute so ein schlechter Begriff geworden ist. Sagt er eigentlich doch viel aus. Jemand, der sich müht, gibt nicht auf. Er setzt seine Energie in die Lösung einer Aufgabe. Beklagen nicht viele, dass sich Schüler und Studenten nur noch wenig konzentrieren können und von einer Aufgabe zur nächsten springen – jedoch keine recht erfüllen. Hin und her getrieben von dem, was im Moment motiviert. Nur sollte es nicht länger als 3.20 min dauern.

Mühe zeigt, wie sich jemand durchbeißt und dranbleibt. Wer nur nach dem Ergebnis fragt, den interessiert Mühe scheinbar nicht. Mühe ist jedoch die Voraussetzung für manchen Erfolg, auch wenn nicht jede mühevolle Arbeit von Erfolg gekrönt sein kann.

Wenn wir sagen: “Gib Dir Mühe”, zeigt das, dass Mühe etwas inneres ist. Ich kann mich bemühen, nicht aber dich. Was will ich als Chef mehr, als Mitarbeiter, die selbst dabei sind und sich von innen heraus anstrengen?

Schade, dass Mühe in unserer Gesellschaft nichts wert ist und nicht belohnt wird.

Schein und Sein – Gesellschaftliche Kirchenkritik und das Glashaus

Scheinheiligkeit ist normal.

Als Christ sieht man sich schnell mal der Kritik von außen ausgesetzt. Es spielt letztlich keine Rolle, ob man für mittelalterlich, ausbeuterisch oder einfach nur dämlich gehalten wird – alles wird bemüht. Wenn man Teil der Kirche ist, fällt einem eines besonders schnell auf: Scheinheiligkeit. Wasser predigen, Wein saufen. Hab ne Weile drüber nachgedacht und festgestellt: das ist normal.

Scheinhumanismus ist normal.

Es betrifft die gesamt Gesellschaft. Kirchenkritik ist ein gern genutztes Mittel im Bereich von Aufklärung und (neuem) Humanismus. Aber auch die guten Menschen sind nicht alle gleich. So wie es in der Kirche vor Scheinheiligen wimmelt, so tummeln sich die Scheintoleranten und Scheinhumanisten in der Gesellschaft. Es gibt überall wenig progressive Menschen, jedoch viele Konservative – auch bei den so genannten Liberalen.

Würde es diese Gesellschaft tatsächlich interessieren, dass es in Deutschland Probleme mit Migranten gibt, würden wir sie lösen. Wäre es von Interesse, dass es in Deutschland keine Straßenkinder geben müsste, gäbe es keine. Wenn die Gesellschaft es nicht ertragen könnte, dass immer noch die Negerkinder verrecken, wäre wir alle auf der Straße.

Das alles ist der Gesellschaft aber scheißegal. Toleranz interessiert die wenigsten. Bildung, Vernunft und Tugend sind der Gesellschaft so fremd wie Glaube und Heiligung der Kirche. Die Kirche ist Teil einer lustlosen Gesellschaft. Das Egalsein drückt sich bei Kirchenleuten und Gottlosen nur anders aus. Jeder verkommt so, wie es sich für sein Millieu gehört.

Daher brauchen sich Atheisten gar nicht so auf ihr Vernunftleiterchen stellen, um uns anzuklagen. Willkommen im Dreck. Hier sind wir alle gleich. Hier ist uns unser Nächster egal, hier gieren wir, hier haben wir Angst, hier leben wir.

Hauptsache der Schein bleibt.

Ich zitiere den Humanismus, ich proklamiere meine Slogans. Ich werde Fan von Obama in Facebook. Ich trinke fairen Kaffee und mir ein gutes Gewissen an. Ich weiß nicht, was Homosexualität ist – habe nie ein Buch der Entwickslungspsychologie in den Händen gehabt. Aber ich weiß, wie die Parole lautet. Ich weiß, was sich gehört. Ich weiß, was die Experten in den Talkshows sagen. Ich weiß, wie ich dem Schein treu bin. Lass mich in Ruhe, ich lasse Dich in Ruhe. Ich will nicht mir Dir reden. Ich hänge den Schein an meine Haustür. Was dahinter geschieht, hat Dich nicht zu interessieren. Du interessierst mich auch nicht.

Kirche Hölle Angst

Habe heute wieder einen meiner lieblings Kabarettisten, Volker Pisper, gehört. Der hat ja auch immer was gegen Kirche und Glauben zu sagen. Aber wo er recht hat… Jeder weiß, dass 2000 Jahre Kirchengeschichte nicht unbedingt zur Kategorie Erbauungsliteratur gehören. Oft ist es ein Drama, manchmal leider auch Horror.

Was dem Menschen unserer Alleswissergesellschaft dabei nur allzuoft entgeht ist, dass die Bindung von Kirche und Staat in beide Richtungen geht. Vom Ablass hat sich nicht nur die Kirche im Mittelalter als Kirche den ein oder anderen goldenen Palast verdient, sondern auch die jeweilige Regierung. Das ist ja der Witz an der Vereinigung von Religon und Staat. Eine Trennung ist immer von Vorteil. So wie im Mittelalter jeder, der was auf sich hielt, seine Connections in Kirche und Regentschaft hatte, pflegt der Reiche von Welt heute die Verbindung von Politik und Wirtschaft. Das ist heute erträglicher. Gehasst wird immer noch die Kirche. Das ist auch leichter.

Pispers beschwert sich in seinem Programm Bis Neulich (2009) über das Geschäft der Kirche mit dem Ablass. Aus Angst Geld machen. Bin ganz seiner Meinung. Jedoch ändert sich das an einem Punkt – der Auflösung der Angst.

Wenn ein dubioses Unternehmen Geld mit der Angst vor Schweingrippe macht, indem es gleichermaßen teure wie wirkungslose Medikamente verkauft, gehört das angeprangert. Es ist jedoch keine Lösung, die Gefahr völlig von der Hand zu weisen: Jetzt fliegen wir erst mal alle nach Malle und küssen jeden, den wir treffen…

Die Kirche im ausgehenden Mittelalter nutze die Angst vor dem Tod nach dem Tod und scheffelte sich reich. Sie fachte das Feuer der Angst an. Die Reformation hat diese Angst nicht abgeschrieben, sondern in Hoffnung verwandelt. Die geschenkte Gnade, Jesus am Kreuz, der alles für mich getan hat. Die Erlösung aus Sünde und Tod – Jesus hat bezahlt, ich bin gerettet.

Verdrängung ist Aufschub, nicht Lösung. Angst vor dem Tod und Angst vor Gott ist gerechtfertigt – ist lebenswichtig. Wer Gott nicht fürchtet, fragt nicht nach Gnade und sieht am Ende verdammt alt aus.

und wenn er kommt?

[...] Nun sah ich einen großen weißen Thron, und ich sah den, der auf dem Thron saß. Himmel und Erde flohen vor ihm, weil sie seine Gegenwart nicht ertragen konnten; sie verschwanden, ohne eine Spur zu hinterlassen.  Ich sah die Toten vor dem Thron stehen, vom Kleinsten bis zum Größten. Es wurden Bücher aufgeschlagen, ´in denen stand, was jeder getan hatte,` und aufgrund dieser Eintragungen wurden die Toten gerichtet; jeder empfing das Urteil, das seinen Taten entsprach. Und noch ein anderes Buch wurde geöffnet: das Buch des Lebens.  Das Meer gab seine Toten heraus, und auch der Tod und das Totenreich gaben ihre Toten heraus. Bei jedem Einzelnen entsprach das Urteil dem, was er getan hatte.  Der Tod und das Totenreich wurden in den Feuersee geworfen; der Feuersee ist der zweite Tod. Und wenn jemand nicht im Buch des Lebens eingetragen war, wurde er ebenfalls in den Feuersee geworfen. [...] (Offenbarung 20, 7 -15)